Von Johannes Wagemann
Alte Liebe rostet nicht, heißt es. Das stimmt auch für Lore und Harry, ein Paar jenseits der 60. Doch auch wenn ihre Liebe nicht durchrostet, gibt es da doch die eine oder andere kleine Stelle, an der mal Lack nachgebessert werden müsste, oder wo es vielleicht auch schon zu spät ist. Beide bilden ein Alt-68er-Paar in diesem Roman, den genau so ein Paar geschrieben hat. Literaturkritikerin Elke Heidenreich und ihr Mann Bernd Schroeder haben nach sieben Jahren wieder gemeinsam ein Buch veröffentlicht.
Doch „Alte Liebe“ ist keine Autobiografie der beiden - die seit mehr als zehn Jahren getrennt leben - verpackt in Romanstoff. Es ist vielmehr eine spritzige und unterhaltsame Ehegeschichte, die aber auch Platz für gefühlvolle Momente hat. Schon die Erzählweise sagt viel aus. Hier gibt es nicht den einen Erzähler, sondern Lore und Harry, die Perspektive wechselt im Kapiteltakt.
Der Anlass, über das Leben zu zweit nachzudenken, ist die gemeinsame Tochter Gloria. Die hat sich nach zwei gescheiterten Ehen wieder einen neuen Mann geangelt. Das kann doch nichts werden, denken eigentlich beide und beginnen eine Reflexion über den Status quo ihrer Ehe, die Jahrzehnte gemeinsam verbrachter Lebenszeit.
Harry war angestellter Architekt im Bauamt und hat sich mittlerweile zur Ruhe gesetzt. Lore hat noch ein wenig Zeit – sie kann nicht wirklich lassen von ihrem Job als Bibliothekarin. Sie halte sich wohl für „unverzichtbar“, denkt Harry. Er geht nicht mit, wenn sie mal wieder eine Lesung, etwa mit Martin Walser (!), organisiert. Sie weiß nicht so recht, was das soll, dass „ihr“ Harry da den ganzen lieben Tag in seinem Garten ackert, Unkraut jätet oder neue Blumen setzt.
Noch so ein Sprichwort: Was sich neckt, das... Das ist das Schöne an diesem Roman: Lore und Harry piesacken sich, wo es nur geht. Um sich dann immer wieder in die Arme zu nehmen. Da sagt Lore in einer Szene: „Ich glaube, ich liebe dich noch.“ Und ihr Mann entgegnet trocken: „Sag mir bescheid, wenn du es genau weißt.“ Wie soll sie da anders als mit einem „Du alter Blödmann“ reagieren. Aber es ist doch nicht böse gemeint.
Eine solche Liebe im Alter wünscht sich doch selbst der Leser, der noch Jahrzehnte davon entfernt ist. Lore und Harry sind offen zueinander, und offen gegen sich selbst. Keine Charaktere, die ihre Gefühle und die Kritik am anderen voreinander verstecken. Und dadurch funktioniert diese Ehe, die bereits - wie bei so vielen Paaren – zu getrennten Schlafzimmern geführt hat. Bei der Hochzeit ihrer Tochter teilen sie sich dann wieder ein Bett. Sie haben ziemlich viele Rostflecken ausgebessert. Leider bleibt ihnen dann aber doch nicht mehr viel Zeit, das auszukosten.
„Der Spiegel“ hat das Buch des ehemaligen Paars biografisch interpretiert - Schroeder liebe ja wie Harry auch im wahren Leben die Gartenarbeit. Und Bibliothekarin Lore, das sei nicht so weit entfernt von Heidenreichs Job der Literaturkritikerin. Das könnte sein, auch wenn beide allzu enge Bezüge abgestritten haben. Aber wäre das der ausschlaggebende Grund, dieses Buch in die Hand zu nehmen oder in der Buchhandlung liegen zu lassen? Seinen dialoghaften Stil hat es bestimmt der langen Beziehung der beiden zu verdanken, aber ob Szenen des Romans ein Widerhall des realen Lebens von Heidenreich und Schroeder sind, tut wenig zur Sache.
Literaturangabe:
HEIDENREICH, ELKE; SCHROEDER, BERND: Alte Liebe. Hanser Verlag, München 2009. 192 S., 17,90 €.
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