Als die Grippe auf eine Welt im Krieg traf

„Die Spanische Grippe“ von Manfred Vasold

© Die Berliner Literaturkritik, 19.06.13

Diese Buchkritik erschien erstmals am 11. Dezember 2009 in diesem Literaturmagazin.

VASOLD, MANFRED: Die Spanische Grippe. Die Seuche und der Erste Weltkrieg. Primus Verlag, Darmstadt 2009. 142 S., Abb., 16,90 €.

Von Monika Thees

Sie kam aus dem Nichts und forderte millionenfach Opfer, junge, alte, gut genährte und durch Hunger geschwächte, sie traf Dichter wie Guillaume Apollinaire, den Maler Egon Schiele, den Soziologen Max Weber und den sowjetischen Politiker Swerdlow, den Soldaten an der Front wie den Arbeiter bei Ford, den Cree-Indianer an der Hudson Bay wie den Maori im Neuseeland. In drei Wellen überrollte sie Länder, Grenzen, soziale Schichten und Kontinente. Aus voller Gesundheit erkrankten die Telefonistin in Chicago, der Hafenarbeiter in Bombay, das Schulkind in Nürnberg, der Arzt, der Sanitäter – sie fühlten sich schlapp und antriebslos, klagten über Kopf-, Glieder- und Rückenschmerzen, sie spürten Hustenreiz, Hitze und Schüttelfrost, dann erhöhte sich die Temperatur, das Fieber stieg bisweilen über 41 Grad, hielt sich drei, fünf oder mehr Tage, der Erkrankte kam allmählich und mühsam wieder zu Kräften – oder er starb.

Die „neue“ Grippe traf eine Welt im Krieg, eine Welt, auf der seit vier Jahren unbarmherzig Blut vergossen wurde, mit modernsten Waffen wie Giftgas und U-Booten. Seit dem Sommer 1914 kämpften Deutschland und Österreich-Ungarn, die Mittelmächte, mit ihren Verbündeten gegen die Staaten der Entente. Am 6. April 1917 erklärten die Vereinigten Staaten von Amerika dem Wilhelminischen Reich den Krieg. Die ersten amerikanischen Soldaten landeten wenig später an der französischen Atlantikküste, weitere Millionen wurden in ihrer Heimat in Rekrutenlagern auf den Kriegseinsatz vorbereitet, so auch in Camp Funston, Huskell County, Kansas. 56.000 Soldaten kampierten hier in eilig aufgestellten Zelten, absolvierten ihre Grundausbildung und wurden schlagartig von einer schweren Krankheit erfasst: Am 4. März 1918 meldeten sich die ersten Männer dienstunfähig, innerhalb weniger Tage traten die ersten Fälle von Lungenentzündung auf. Das war der Anfang.

Der Medizinhistoriker Manfred Vasold schildert in seinem Buch – es ist in der Reihe „Geschichte erzählt“ des Primus Verlages erschienen – den globalen Verlauf der schweren Grippe-Pandemie 1918/19: Ausgehend von Kansas verbreitete sich das Virus explosionsartig, die Seuche fegte über dicht besiedelte Landstriche, durch Großstädte sowie Dörfer und forderte weltweit 25 bis 50 Millionen und damit mehr Todesopfer als der Erste Weltkrieg (17 Millionen). Die Anzahl der Infizierten wird auf 500 Millionen Menschen geschätzt, das entspricht etwa einem Drittel der damaligen Weltbevölkerung. Die „neue“ Grippe war etwa 25-mal virulenter als die gewöhnliche, saisonale, sie war äußerst aggressiv und zeigte im Vergleich zu damals bekannten Influenza-Epidemien ein sehr auffälliges Phänomen: Sie ließ bevorzugt Menschen sterben, die in der Blüte des Lebens standen: kräftige, bislang gesunde 15- bis 30-Jährige.

Einige Erkrankte brachen einfach auf der Straße zusammen, bei den meisten dauerte es mehrere Tage, bis der Erreger den Organismus so weit geschädigt hatte, dass eine bakterielle Superinfektion (durch Strepto- oder Staphylokokken) leichtes Spiel hatte. Die Grippe war überall: Der Romanist Viktor Klemperer wurde von ihr während einer Eisenbahnfahrt überrascht, Ernst Jünger beschreibt in seinem Tagebuch „In Stahlgewittern“ die Wucht ihrer ersten Welle an der Westfront, Oskar Maria Graf berichtet in seinen Erinnerungen vom plötzlichen Grippetod seiner Schwester. Und sie bekam einen Namen: Am 27. Mai 1918 meldete die Nachrichtenagentur Reuters, dass der spanische König, Alfons XIII., an der Grippe erkrankt sei, einen Monat später nannte man die Krankheit, die bald blind wütend über den Erdball raste, ganz allgemein „Spanische Grippe“. Ein Begriff war geboren, eine Pandemie benannt, die zu den fürchterlichsten gehörte, die den Globus heimsuchten.

Was vermochte die Medizin? Wenig. Fast nichts. In den Krieg führenden Staaten waren viele Ärzte und Pflegekräfte abkommandiert an die Front, also nicht verfügbar oder gar selbst erkrankt. Für das noch bescheidene Instrumentarium der Bakteriologen war das Virus zu klein, eine gezielte Immunisierung nach damaligem Kenntnisstand nicht möglich. Erst 1933 wurde der Erreger isoliert, 2005 gelang es, ihn zu rekonstruieren: einen hoch pathogenen Influenza-A-Virus des Subtyps H1N1. Noch immer ist umstritten, wie und warum neue Virusvarianten entstehen, ob durch genetische Makromutation oder durch die Anpassung eines tiergetragenden Virus an den Menschen. Was konnte man damals tun? Erbärmlich wenig. Zu den gängigen Therapien zählten Bettruhe, Tannin, Chinin, aber auch Aufputschmittel wie Alkohol, Kokain, Belladonna- und Opiumpräparate. „Kochen Sie sich Tee! Der nächste“, hieß es beim elsässischen Unteroffizier Dominik Richter, als er sich, halbtot und entkräftet wie die Hälfte der Mannschaft, beim Sanitätsdienst meldete.

Manfred Vasold zeichnet die Wege nach, welche die Pandemie nahm: vom mittleren Westen der USA an die Ostküste, von dort mit dem Truppentransporter nach Brest – über eine Million Soldaten wurden 1918 aus den USA nach Westeuropa befördert - , über die Landwege an die Front, über die Eisenbahnlinien nach Süden, Osten, in die neutrale Schweiz. Das Virus hielt sich nicht an Grenzen, militärische Stellungen und Schützengräben, die Einteilung in Freund und Feind. Im Deutschen Reich, dessen Bevölkerung durch den Hungerwinter 1917/18 stark geschwächt war, starben etwa 300.000 Menschen, in Europa 2,3 Millionen, in den USA 675.000. Hinter den nackten Fakten verbergen sich tragische Schicksale, ungeheures Leid, Szenen, die erschrecken: Die Gesunden gingen sich aus dem Weg, Sterbende lagen allein in den Wohnungen, die Leichen wurden „aufgestapelt wie Brennholz“, notierte ein Arzt in Philadelphia, wo auf dem Höhepunkt der Grippewelle im Oktober 1918 über 4.500 Menschen in einer Woche starben.

Welchen Einfluss hatte die Spanische Grippe auf den Kriegsverlauf und das Kriegsende? Manfred Vasold zieht eine vorsichtige Bilanz und enthält sich wohltuend jeder Spekulation. Das Deutsche Reich und die Mittelmächte waren den Alliierten militärisch weit unterlegen, sie waren am Ende, bereits kapitulationsreif, als sie die Grippewelle im Sommer 1918 erreichte. Die politischen Unruhen in Deutschland und die Meuterei in Marine und Armee schwollen mit der Seuche an, kriegsentscheidend war ihr Ausbruch nicht. Volkswirtschaftlich schwerer wogen die Folgen, die Grippe dezimierte die gleichen Jahrgänge, die auch in den Schützengräben gefallen waren: junge, arbeitsfähige Männer zwischen 20 und 30 Jahren. Doch dieser demografische Einschnitt betraf ausnahmslos alle Staaten, die hoch industrialisierten Nationen als auch alle weniger entwickelten und ganz besonders Länder mit einem hohen Anteil indigener Bevölkerung.

„Niemals seit dem Schwarzen Tod ist eine solche Seuche über die Erde gefegt“, schrieb die „London Times“ am 18. Dezember 1918. Das ist wahr. Am 11. November 1918 wurde in einem Eisenbahnwaggon im Wald von Compiègne der Waffenstillstand unterschrieben, nach dem Ersten Weltkrieg ordnete sich die politische Weltkarte neu. Die Spanische Grippe, der unsichtbare Killer, zog sich nach einem dritten, letzten Höhepunkt zurück und hinterließ ihre Toten, die mit Encephalitis lethargica sowie anderen gesundheitlichen Spätfolgen Gekennzeichneten und die Lebenden. Sie hatte bestehende Grenzen zwischen Staaten und Nationen verwischt, sie schrieb Sozialgeschichte – transnational, global.

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