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Alexander Osang „Im nächsten Leben“

Wie wird aus einer eher unpolitischen Frau Bundeskanzlerin?

© Die Berliner Literaturkritik, 21.05.10

Von Peter Schulz

Einmal neu anfangen, ein anderer sein, von einem neuen Leben träumen. Einfach so. Gleich morgen. Doch dann kommt das Vielleicht, dieses Verschieben auf den nächsten Tag, die nächste Woche, den nächsten Monat. Und in der Alltäglichkeit der vergangenen Zeit und einer nachdenklichen Minute erkennen wir die verpassten Chancen, die unerfüllten Träume, sind der, der wir sind und sagen dann zu uns selbst - unsere eigene Feigheit und Bequemlichkeit zugebend - resigniert: Im nächsten Leben…

„Im nächsten Leben“ heißt auch das neue Buch des dreimaligen Egon-Erwin-Kisch-Preisträgers Alexander Osang, das die im „Spiegel“ erstmals veröffentlichten Reportagen und Porträts der letzten Jahre versammelt - mit bekannten Personen wie dem bereits verstorbenen Schauspieler Ulrich Mühe, der Bundeskanzlerin aller Deutschen Angela Merkel oder dem Held des Sommermärchens 2006 Jürgen Klinsmann. Und unbekannten Menschen wie der Studentin in Los Angeles, die sich als Pornodarstellerin nur ein bisschen Geld verdienen will und sich auf einmal mit dem HIV-Virus konfrontiert sieht oder einer Gruppe Soldaten, die sich jede Woche treffen, um den Nachwirkungen der Kriege der letzten Jahrzehnte zu entkommen.

Wie unverständlich es fast scheint, wenn Alexander Osang in „Die Schläferin“ den Versuch unternimmt, den Weg der Angela Merkel in die Politik zu konstruieren; von den Physikern - darunter eben jene Angela Merkel -, die sich 1989 zum Templiner Kolleg treffen, um über die Frage zu diskutieren: Was ist der Mensch? Doch die Umstände lassen es nicht zu und so muss jeder entscheiden, wie es weitergeht. Für viele Teilnehmer ist klar: Sie gründen zusammen mit anderen Demokratie Jetzt oder den Demokratischen Aufbruch. „Diejenige am Tisch aber, die damals schweigt, ist heute Bundeskanzlerin“. Schon ein Jahr später, in dem Jahr des Umbruchs, lernt Angela Merkel, die sich am meisten daran störte, dass es in der DDR keinen ordentlichen Joghurt gibt, Helmut Kohl kennen und es scheint der erste Schritt zur Bundeskanzlerin. Doch wie wird aus einer unbeteiligt wirkenden jungen Frau eine Bundeskanzlerin? Sind es wirklich die Umbrüche gewesen, die die eigentlich unpolitische Angela Merkel zur Bundeskanzlerin werden ließ? Am Ende bleibt ein Nachdenken über Angela Merkel; Fragen an eine Frau, die schwer zu greifen ist; Antworten, die unbeantwortet bleiben.

Skurril sind dagegen die deutschen Rentner in Thailand in der Reportage „Tod im Paradies“, die mit ihrer kleinen Rente dort gut leben können - mit Alkohol und Zigaretten. Und genug Geld bleibt auch für die thailändischen Mädchen, die die Enkelinnen der Männer sein könnten und vielleicht schwanger werden - oder auch nicht. Das ist egal. Was die deutschen Rentner genau suchen, wissen sie oftmals selbst nicht. Sie wissen nur, dass sie in Thailand gut leben können; Leben jedoch besteht aus Saufen, Ficken und Rauchen - und aus Sätzen wie diesen: „Her mit dem Bumsbomber, zurück mit dem Tripperclipper“. Das einzige, was sie noch an Deutschland interessiert, ist der Wechselkurs und das Wetter. Aber auch in Thailand bleibt die Sehnsucht nach einem glücklichen, ruhigen Lebensabend. Wären sie in Deutschland, würde das Geld für einen Urlaub in Thailand nicht reichen. So sieht das Leben aus. Das ist nicht nur skurril, das ist manchmal auch sehr traurig.

Wirklich traurig jedoch ist, wenn sich Soldaten verschiedenen Alters aus verschiedenen Kriegen von dem Zweiten Weltkrieg bis zum Irak-Krieg wöchentlich treffen, um den ewigen Krieg, den ewigen Krieg im Kopf zu vergessen. Posttraumatisches Stresssyndrom heißt der Krieg im Kopf: Schlaflosigkeit, Selbstmordgedanken, Eheprobleme, Depression, Einsamkeit. Sie lesen keine Zeitung, gucken kein Fernsehen, weil eine kleine Nachricht eine Aufregung auslösen kann, die sich nicht kontrollieren können. Es war ein guter Krieg, sagt einmal einer dieser Kriegsveteranen, als müsse er sich vergewissern, dass der Krieg im Kopf nicht umsonst ist. Auf einem T-Shirt steht: „Ich komme bestimmt in den Himmel, denn ich habe die Hölle schon gesehen. Vietnam.“ Die Wirklichkeit ist ihnen abhanden gekommen, doch sie haben für den amerikanischen Traum in anderen Ländern gekämpft. Doch für welchen Preis? Der Krieg wird in den Köpfen bleiben - ewig.

Alexander Osang beschreibt mit einer Sympathie das Leben, die Träume, die Sehnsüchte seiner Protagonisten, ohne sie zu kompromittieren. Seine Reportagen kommen mit einer Leichtigkeit daher, sind nie oberflächlich, immer tiefsinnig und am Ende bleiben mehr Fragen als Antworten.

Sein großes Verdienst ist aber auch, dass der Leser in eine leichte Ohnmacht verfällt, sich nicht dagegen wehren kann, darüber nachzudenken, wie Menschen werden, wie sie sind. Er schreibt über all die unbekannten und bekannten Menschen und deren Leben - Millionäre in Potsdam, die Vielfalt wollen, aber sie gleichzeitig bekämpfen, zwei Mädchen, deren Geburtsdatum der 9. November 1989 ist - mit einem Staunen und einer Liebenswürdigkeit, die die Lektüre so interessant macht. Wir sollten nicht auf das nächsten Leben warten, sondern lesen - heute und jetzt. Ein bescheiden machendes Buch, das Geschichten enthält, wie sie nur das Leben schreibt.

Literaturangabe:

OSANG, ALEXANDER: Im nächsten Leben. Reportagen und Porträts. Ch. Links Verlag, Berlin 2010. 256 S., 19,90 €.

Weblink:

Ch. Links Verlag


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