Von Claire Horst
Ein deutschsprachiges Satiremagazin? Ein Großteil der Weltbevölkerung würde schon den Begriff für einen Widerspruch in sich halten. Ein funktionierendes deutschsprachiges Satiremagazin? Ein Ding der Unmöglichkeit. Bereits die britische Komikergruppe Monty Python bastelte zahlreiche ihrer Pointen nach dem Modell „Don’t mention the war“ – denn über sich selbst lachen können die Deutschen nicht. Stimmt, könnte meinen, wer die Geschichte der Prozesse gegen die Titanic verfolgt hat.
Gegründet 1979, verfolgte das Magazin anscheinend von Anfang an den Anspruch, möglichst oft möglichst unsanft anzuecken und damit in die Populärkultur einzugehen. „Birne“- Cartoons machten den Spitznamen des ewigen Bundeskanzlers Kohl zum Allgemeingut, Björn Engholm ist aus Barschels Badewanne nicht mehr wegzudenken, und dass einige der so treffend Porträtierten den Witz nicht verstanden, führte zwar mehrmals fast zur Pleite der Titanic, vergrößerte aber zugleich deren Reichweite und den Ruf der Humorlosigkeit der Kläger.
Ein durchaus erwünschter Nebeneffekt der titanischen Gesellschaftsinterpretation ist die Entstehung einer neuen Erinnerungskultur. Die Wende, ein bewegendes, hochemotionales Ereignis, das Millionen von Menschen Freiheit ermöglichte? Quatsch. Die Wende ermöglichte zuallererst Gabis erste Banane. Und sowieso ist die Wiedervereinigung nicht gültig, denn Kohl war gedopt. Auf die Anerkennung dieser Tatsache hofft die Titanic-Redaktion bis heute. Schließlich steht im Impressum das Ziel der endgültigen Teilung Deutschlands. Nicht zuletzt zu diesem Zweck gründete sich später Die PARTEI aus dem Dunstkreis der Titanic.
Sowieso weist sich die Titanic-Redaktion durch eine außergewöhnlich realitätsbezogene Arbeitsweise aus. Nicht wie gewöhnliche Journalisten kommentieren und festhalten will man, nein, man nimmt direkten Einfluss auf das Weltgeschehen. Auf eigens organisierten Wahlkampfveranstaltungen in Kleinstädten der Republik wird beispielsweise der Slogan „Deutsche, wehrt Euch! Wählt FDP!“ verbreitet. Man erhält begeisterte Zustimmung zu der Forderung, Michel Friedman in sein Heimatland zurückzuschicken und Deutschland damit judenfrei zu machen. Der Titanic gebührt das Verdienst, die deutsche Volksseele zu erkennen und ernst zu nehmen.
Und auch der deutsche Staat wird nicht vergessen. Telefonisch unternimmt man den Versuch, den Staatshaushalt aufzufrischen: Die nie gezahlten GEZ- Beiträge ostdeutscher Bürger sollen eingetrieben werden – umsonst haben sie schließlich jahrelang „unser gutes Westfernsehen“ genossen. Leider wurden diese Bemühungen nie angemessen gewürdigt, ebenso wenig der Einsatz für die WM. Nur der Titanic ist es zu verdanken, dass diese 2006 in Deutschland ausgetragen wurde. Ohne Bestechungsschreiben samt Präsentkorb hätte sich das Komitee nicht dafür entschieden. „Cuckoo-Clock“ und Schwarzwälder Würste gaben den Ausschlag.
Die Tätigkeit für die Titanic macht sich also kaum bezahlt. Und nicht einmal mit einem langen Leben werden ihre Mitglieder belohnt. Großartige Gründungsfiguren wie der unerreichte Zeichner und Autor F.K. Waechter und der Dichter Robert Gernhard sind ebenso früh verstorben wie Chlodwig Poth, ein ebensolches Ausnahmetalent. Man könnte annehmen, mit den Überlebenden sei es nicht weit her – Eckhard Henscheid schreibt inzwischen für die Junge Freiheit, Martin Sonneborn und seine PARTEI verfehlten die Zulassung zur Bundestagswahl. Trotzdem lässt die Redaktion sich von den Rückschlägen nicht abschrecken und feiert sich selbst mit einem dicken Jubiläumsband. Begleitet werden die Bild- und Textstrecken aus den ersten 30 Jahren von einleitenden Kommentaren. Im Rückblick wird noch einmal deutlich, was die Titanic ausmacht: ein merkwürdiges Wechselspiel von geistreichen, entlarvenden und dämlich flachen Beiträgen. Bebilderung wie Texte schwanken zwischen anarchischem Sinnloshumor, Persiflage übelster politischer Aussagen und Fäkalhumor. Grandios wirkungsvoll ist dieses Aufeinanderprallen verschiedenster Elemente manchmal, in anderen Fällen ist es grandios nervend. Dass die Herrenriege der Redaktion inzwischen durch einige wenige Redakteurinnen ergänzt wurde, hatte bisher keinen Einfluss auf die Masse an Pimmelwitzen. Frauen können eben keine Quadrate zeichnen, würde die Redaktion wahrscheinlich im Hinblick auf einen frühen Titel erklären. Auch Schwachsinn will gelernt sein –die Titanic-Autoren und -zeichner beherrschen nicht nur dieses Metier einwandfrei.
Für Fans der Titanic, Anhänger der PARTEI sowie Nostalgiker und Hobby-Historiker ist der Sammelband ein Muss. Nicht nur die Geschichte der Titanic, vor allem die der Bundesrepublik wird hier nachvollzogen – eine einzigartige Möglichkeit, von republikanischer Selbstbeweihräucherung frei zu bleiben und dennoch den Blick zurück zu wagen. Dem Lesevergnügen etwas abträglich sind nur die Begleittexte zu den einzelnen Zeitabschnitten. Mit der Aussagekraft der Originalbeiträge können sie nicht mithalten. Bemüht witzig sind manche von ihnen – der einzige Vorwurf, den man der Titanic normalerweise wirklich nicht machen kann.
Literat
urangabe:
KNORR, PETER / SCHMITT, OLIVER MARIA / SONNEBORN, MARTIN / TIETZE, MARK-STEFAN (Hrsg.) u.a.: Titanic - das endgültige Satirebuch. Das Erstbeste aus 30 Jahren. Rowohlt Verlag, Berlin 2009. 416 S., 25 €.
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