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24 Blüten der Liebe

Irene Disches 24-teiliger Erzählband „Loves / Lieben“ erzählt von Romeo und Julia

© Die Berliner Literaturkritik, 24.06.08

 

MÜNCHEN (BLK) – Im Deutschen Taschenbuchverlag (dtv) ist im Juni 2008 Irene Disches Erzählband „Loves / Lieben“ erschienen.

Klappentext: Liebe ist ein Ausnahmezustand und treibt nicht selten groteske Blüten. Oft hängt es nur von einer winzigen Wendung des Schicksals ab, ob es glücklich oder traurig für uns endet. Mit dem für sie typischen Augenzwinkern und diesem besonderen Talent für Überraschungen erzählt Irene Dische 24 Liebesgeschichten.

Irene Dische tut, was sie am besten kann: Geschichten erzählen. Zart, anrührend, bissig, komisch, verblüffend. Die Hälfte der hier versammelten Geschichten geht gut aus, die andere Hälfte nicht. Denn: Die Liebe ist zutiefst unfair. Und doch ist die Liebe das ganz große Gefühl, das uns lebenslänglich umtreibt. Im Ausnahmezustand des Verliebtseins werden Heldentaten und Verbrechen begangen. Irene Disches Erzähltempo ist hoch und die Pointen sitzen – was will man mehr!

Irene Dische wurde 1952 als Tochter eines Biochemikers und späteren Nobelpreisträgers sowie einer Ärztin in New York geboren. Von 1970 bis 1972 arbeitete sie für den bedeutenden Paläoanthropologen Louis Leakey in Ostafrika. Nach ihrer Rückkehr in die USA studierte sie an der Harvard University und veröffentlichte erste Reportagen in amerikanischen Zeitschriften. Seit Anfang der achtziger Jahre lebt und schreibt die jüdischstämmige Autorin vorwiegend in Berlin. Ihr literarisches Debüt, der Erzählungsband „Fromme Lügen“ wurde von der Kritik begeistert gefeiert und war national wie international ein großer Erfolg. Seitdem finden Irene Disches Geschichten, aus dem Englischen übersetzt, oft zuerst in deutscher Sprache Verbreitung. 1993 veröffentlichte Irene Dische mit „Ein fremdes Gefühl oder die Veränderungen über einen Deutschen“ ihren ersten Roman. (lea/wip)

 

Leseprobe:

© dtv ©

Romeo und Julia

Niemand hinderte Romeo und Julia am Heiraten. Im Gegenteil, alle freuten sich. Romeo war schon achtundzwanzig und Julia achtzehn. In Romeos Frankfurter Wohnung wurde mit den Verwandten, die aus Nürnberg und Teheran angereist waren, ausgelassen gefeiert, dann folgten die Hochzeitsnacht und noch einige Nächte mehr. Romeo und Julia waren zufrieden mit dem Lauf der Welt.

Nur die Augenblicke, in denen sie getrennt waren, missfielen ihnen sehr. Wenn Julia nicht in Reichweite war, wurde Romeo von Visionen heimgesucht. Er sah Julia vor sich, ein zierliches Mädchen mit schwerem, schwarz schimmerndem Haar, „wie Lava“ (Romeo), und seine Hände halluzinierten, wie sich ihre Haut anfühlte, diese „scheinbar kühle, aber immer warme Haut“ (noch einmal Romeo), und in jedem Winkel der Erinnerung suchten seine Augen nach den ihren – diesen braunen Augen, die ihrem noch jugendlich runden Gesicht seinen Schwerpunkt gaben und aus ihr das „schönste Mädchen in der Familie“ machten (so die übereinstimmende Meinung der Familie).

Wenn er nicht mit ihr sprechen konnte, unterhielt er sich im Kopf mit ihr, und dort antwortete sie immer. Julia war weniger romantisch, pragmatischer. Wenn sie nicht mit Romeo zusammen war, betrachtete sie das Hochzeitsfoto. In dem Augenblick, als es entstanden war, hatten sie noch ein bisschen Angst gehabt, einander zu umarmen, aber man sah schon, wie vollkommen sie zueinanderpassten.

Obwohl Romeo „so groß“ war (Julia), fast eins fünfundsiebzig, volle fünfzehn Zentimeter größer als seine Frau, war er schlank und geschmeidig. Majestätisch „wie Seidenfächer“ (Julia) klappten seine langen Wimpern vor den scheu dreinblickenden braunen Augen auf und nieder. Sie machte ihm Komplimente, weil er nicht in Testosteron ertrank wie die meisten anderen Jungen. Er war aus dem Iran nach Amerika gegangen, hatte dort fünf Jahre allein gelebt und für sich selbst gesorgt, so gut es bei seiner Unbeholfenheit in praktischen Dingen ging.

Er war kaum imstande, eine Glühbirne einzuschrauben. Schließlich jedoch hatte ihn sein Job als Programmierer nach Frankfurt gerufen, und dort hatte er Julia kennengelernt, die bald verkündete, sie werde sich von nun an um ihn kümmern. Jede Minute ohne Romeo erschien ihr als eine schändliche Zeitverschwendung. Sehnsucht kam allerdings nur selten auf, weil es nun, da sie verheiratet waren, nichts mehr gab, was sie für länger als ein paar Stunden voneinander fernhielt. Und so hatten sie keinen Grund zur Klage. Auch wenn sie sich Mühe gegeben hätten – ihnen wäre keiner eingefallen.

Sie lebten zurückgezogen, bescheiden, hatten noch keinen Wagen, kleideten sich geschmackvoll, aber dezent, als wollten sie nicht bemerkt werden. Romeo hatte nur einen Stolz – eine große Krawattensammlung. Zur Hochzeit schenkte er Julia ein richtiges Kostüm, wie es in Amerika Frauen in leitender Stellung tragen. Mit Büroarbeit kannte sie sich aus und träumte davon, eines Tages eine wichtige Position einzunehmen, vielleicht als Managerin.

Sie war nicht in Deutschland geboren, sondern als Kind ins Land gekommen und hatte trotz ihres deutschen Schulabschlusses keine Arbeitserlaubnis. Sie arbeitete dennoch – als Putzfrau – und behauptete, Hausarbeit sei hauptsächlich Management. Romeo und Julia lebten zweieinhalb Wochen zusammen. Sie gingen zusammen zur Arbeit und richteten sich den Tag so ein, dass sie zusammen nach Hause kamen. Dort half er ihr aus dem neuen Wollmantel, und sie half ihm beim Aufknoten einer seiner fantastischen Krawatten.

Sie kümmerte sich um all das, was ihm so schwer von der Hand ging, und er brachte ihr kleine Geschenke mit. Sie aßen immer gemeinsam. Wenn sie nicht zusammen waren, dann warteten sie mit dem Essen, das heißt, sie ließen das Mittagessen ausfallen. Und sie schliefen immer zusammen ein. Doch eines Tages wurde Romeo auf einen Posten in einer Niederlassung seiner Firma in Los Angeles berufen. Jemand hatte dort unerwartet gekündigt, und die Stelle musste so schnell wie möglich neu besetzt werden.

Romeo besaß eine Greencard. Niemand zweifelte daran, dass Julia mitkommen würde. Romeo blieben nur wenige Tage, um seine Angelegenheiten in Frankfurt zu regeln. Julias Eltern waren entsetzt. „Warum denn nach Amerika?“, wollten sie wissen. – „Esel haben eben keine Ahnung, wie gut Obstsalat schmeckt“, entgegnete Julia. Sie konnte sehr bissig sein, auch gegenüber ihren Eltern. Romeo beeilte sich zu erklären: In Amerika würde Julia endlich eine Arbeitsgenehmigung bekommen.

In Amerika würde sie fließend Englisch sprechen lernen. In Amerika würden sie einen Wagen haben und eine gemeinsame Zukunft, die noch besser war als die Zukunft, die sich ihnen in Frankfurt eröffnete – und außerdem war das Wetter in Amerika alles in allem besser, wärmer. Julias Eltern seufzten, versprachen, sie würden zu Besuch kommen, und organisierten ein Fest. Ohne auf den Preis zu achten, kauften sie ihnen zum Abschied zwei besonders große, besonders stabile, besonders rote Koffer mit vielen Taschen und komplizierten Reißverschlüssen und machten schüchterne Witze, nun müsse sich ja wohl Julia um die ganze Packerei kümmern, weil Romeo …

Er war eben unbeholfen. Fröhlich machten sich die beiden auf den Weg zum amerikanischen Konsulat, um für Julia ein Visum zu beantragen. Dort sagte man ihnen, weil Julia keine uneingeschränkte Aufenthaltsgenehmigung für Deutschland besitze und kaum zwei Wochen verheiratet sei, sei sie nicht automatisch berechtigt, Romeo zu begleiten. Bürokratie verbarrikadierte den Weg. Es könnte ein Jahr dauern, bis Julia ein Visum bekäme, vielleicht länger.

Da die beiden von Anfang an gesagt hatten, dass sie in Amerika bleiben wollten, verweigerte man Julia am Ende auch das Touristenvisum. „Trockene Kötel bringt man nicht zum Glänzen“, sagte Julia, als sie das Konsulat verließen. „Abwarten“, beruhigte Romeo sie und geleitete sie durch den Schnee nach Hause. „Du kennst Amerika nicht. Amerika ist ein Land der Ausnahmen. Anders als hier. Wir werden einen gemeinsamen Antrag stellen und alle unsere Gründe aufschreiben, warum wir unbedingt zusammen reisen müssen. Für den eigentlichen, den wahren Grund hat jeder Verständnis.“

So gelang es Romeo, Julias Befürchtungen zu zerstreuen. In dem Antrag auf Ausstellung einer Aufenthaltsgenehmigung für seine Frau brachte er dann sein fließendes Englisch zum Glänzen. Es blieb ihnen nur noch eine Woche, und Romeo kündigte die Wohnung. Sie machten sich einen Spaß daraus, immer neue Zukunftspläne zu entwerfen, während sie gleichzeitig ihre wichtigste Habe in zwei Koffern verstauten, für jeden einen. Sie hatten beschlossen, Amerikaner zu werden. Julia besorgte ein Exemplar des obligatorischen Geschichtstests und fragte Romeo ab.

„Welche Farben hat die Nationalflagge?“ war einfach. „Wie viele Sterne?“ war auch nicht schwer. Als Romeo einen Prospekt zugeschickt bekam, der zeigte, wo seine Firma sie beide in der Nähe von Los Angeles unterbringen wollte, hängte Julia ihn an die inzwischen kahle Wand ihres Wohnzimmers. Voller Stolz ließ Romeo alle Freunde, die vorbeikamen, das „perfekte Firmenapartment„ bewundern, spielte den Experten und erklärte jedem, was eine „Wohneinheit mit kontrolliertem Zugang und integrierter Einkaufs-Plaza“ war, worin die „Kabel-TVGrundversorgung“ bestand (150 Kanäle) und wie groß ein „King-Bett“ war. Eines der Fotos zeigte das Paradies: einen Swimmingpool mit Palmen.

Sie feierten lange und tranken auf ihr neues Zuhause. Am nächsten Tag erwachten sie mit Kopfschmerzen, und Julia mit ihren achtzehn Jahren meinte, jetzt hätten sie das Alter der Mäßigung erreicht. An diesem Nachmittag wartete sie nicht an der Straßenecke, wo sie sich sonst immer trafen. Romeo stürmte allein nach Hause und fand sie zusammengerollt auf dem Sofa, das Gesicht nass und zerknautscht. Sie wollte nicht aufstehen und nichts sagen, aber er bekam das Papier zu fassen, das sie in der geballten Faust hielt, ein Schreiben der amerikanischen Einwanderungsbehörde.

Julias Antrag auf Erteilung einer Aufenthaltsgenehmigung war glatt abgelehnt worden. Romeo nahm Julia in die Arme und versuchte sie zu trösten. „Auch wenn man eine Million Mal ‚Halwa’ sagt, wird einem der Mund davon nicht süß“, sagte sie zu ihm.

„Du musst etwas tun. Es kann doch nicht sein, dass eine Sache, bei der es um Leben und Tod geht, von einem Visum abhängt.“

Am nächsten Tag betraten sie das amerikanische Konsulat zum zweiten Mal, und diesmal machte Romeo am Empfang eine Szene.

Er rief, so laut er konnte: „Wir verlangen ein Visum für meine Frau.“ Sofort war man bereit, eine Ausnahme zu machen: einen Termin mit dem „zuständigen Beamten“ innerhalb von nur zwei Tagen.

„Es wird der Konsul selbst sein“, sagte Julia. „Den Amerikanern sind Anfragen in letzter Minute immer am liebsten“, sagte Romeo.

Am Tag nach dem Termin ging ihr Flug. Julia hatte noch kein Ticket, weil man ohne Visum keines kaufen konnte. Aber Romeos Ersparnisse reichten. Er rief bei der Fluggesellschaft an und reservierte für sie einen Platz in der Businessclass. Er sagte, den habe sie verdient, was sie erröten ließ. Inzwischen hatten sie in ihrer Wohnung nur noch eine Matratze und die Koffer. Sie machten den verabredeten Ausflug zum amerikanischen Konsulat. Die Sekretärin kam auf sie zu, und ihre Worte waren wie eine Handvoll Kiesel, die sie ihnen ins Gesicht schleuderte. Leider. Infolge unvorhergesehener Umstände.

Der Termin. Abgesagt. Der zuständige Beamte verhindert. Sitzungen. Niemand im Haus. Romeo saß bloß da. Julia fi ng an zu schluchzen. Zu der Sekretärin sagte sie: „Wenn das Schicksal gegen einen ist, beißt man sich auch an Marmelade die Zähne aus.“ Worauf die Sekretärin wütend wurde und zur zusammenhängenden Rede zurückfand: „Junge Frau, hier geht es nicht um Schicksal, sondern um Visavorschriften.“ Doch dann griff die Traurigkeit, die aus den braunen Augen hervorquoll und sich über die kindlichen Wangen ergoss, auch nach dem steinernen Herzen der Sekretärin.

Sie musste wegsehen, sonst hätte auch sie angefangen zu weinen. „Bitte, Madam, wecken Sie unser Glück auf“, flehte Julia sie an. Die Sekretärin verschwand und kehrte wenig später lächelnd zurück. Julia flüsterte Romeo triumphierend zu: „Ich habe eine grausame Sekretärin zum Lächeln gebracht!“ Diesmal rieselten die Wörter der Sekretärin wie Hochzeitskonfetti auf Romeo und Julia herab. Zufällig. Ein Glücksfall. Der Vizekonsul gerade gekommen. Unerwartet. Hier entlang, bitte. Ein lächelnder Mann hinter einem blanken Schreibtisch. Er reichte Julia ein Papiertaschentuch.

„Ich will sehen, was ich für Sie tun kann. Ich melde mich heute Nachmittag.“ Es war das Letzte, was sie von ihm hörten. Alle Versuche, ihn anzurufen, endeten bei einer automatischen Bandansage mit verschiedenen Auswahlmöglichkeiten, von denen keine passte. Am nächsten Morgen kamen Romeos Kollegen, um das Paar abzuholen und die letzten Sachen aus der Wohnung zu räumen. Dass es noch Kleider und einige Dinge gab, die er nicht mitnehmen wollte und die sie untereinander aufteilen sollten, lenkte sie ab. Erst als sie schon im Auto saßen, fragten sie ihn, wo denn Julia sei.

Romeo beruhigte sie: „Es hat eine kleine Verzögerung mit ihrem Visum gegeben. Julia hat sich darüber sehr aufgeregt, deshalb habe ich sie zu ihren Eltern gebracht. Da bleibt sie, bis sie nachkommen kann.“ Am Flughafen checkte er mit den beiden neuen roten Koffern ein und ging an Bord der Lufthansamaschine nach L. A. Er saß allein, sah sich zwei Filme an, aß alles, was man ihm vorsetzte. Am Tag des Sieges ist niemand müde.

Nach der Ankunft in Los Angeles schlenderte er durch die Passkontrolle und beschleunigte seine Schritte erst auf dem Weg zur Gepäckausgabe. Ruckelnd kamen die beiden roten Koffer in Sicht. Er wuchtete sie auf einen Kofferkuli. Niemand sah ihm dabei zu. Niemand sah, wie er einen der Koffer öffnete und mit der Hand hineinlangte. Niemand sah, wie seine Hand zurückfuhr, wie ihn Übelkeit überkam, wie er sich plötzlich in die eigene Hand biss, wie er zitterte.

Es bemerkte auch niemand, wie er von einem der Koffer die Gepäckbanderole abriss und in die Tasche steckte, wie er ihn zum Laufband zurückschob, als handele es sich um eine Verwechslung. Andere Koffer tauchten auf, aus Seoul, aus Singapur, aus Tokio. Es wurde Abend, bevor jemandem der rote Koffer auffiel, der auf dem Gepäckband immer noch einsam seine Bahn zog. Man nahm ihn herunter undrollte ihn ins Fundbüro. Unterdessen hatte Romeo längst den für ihn reservierten Mietwagen gefunden, war über verschiedene Highways zu seiner neuen Bleibe gefahren, hatte seine Krawatten aus dem Koffer genommen, hatte sie zusammengebunden und um den beheizten Handtuchhalter in seinem Luxusbad geschlungen und hatte es trotz aller Unbeholfenheit ohne Weiteres geschafft, sich zu erhängen.

„Unbekannte Schöne in herrenlosem Koffer“ lautete die Schlagzeile am nächsten Tag. Der Leichenbeschauer klassifizierte sie als weiß, jung und weiblichen Geschlechts. Der Tod hatte sie von zwei Seiten in die Zange genommen: in erster Linie durch Quetschung infolge des Gewichts anderer Gepäckstücke. Der Koffer war doch nicht so stabil gewesen. Während des Fluges jedoch musste er zuoberst gelegen haben. Der Tod hatte sich Zeit gelassen und war erst beim Ausladen eingetreten, als sie schon wegen Unterkühlung im Sterben lag. Als einige Tage später auch Romeos Leiche entdeckt wurde, fand man in seiner Manteltasche die fehlende Banderole. Das Rätsel war gelöst, was inzwischen aber niemand mehr wissen wollte, und so bekam es nur noch ein paar Zeilen in einer Lokalzeitung.

Dies ist eine wahre Geschichte, nur die Namen wurden verändert.

Die Decke

Einer der Risse war seit letzten Sonntag breiter geworden. Ein halber Zentimeter in drei Tagen, mal nachrechnen, sagte sich Simone. Sie hatte viel Zeit. Dieser Riss bildete die lange Seite von einem unordentlichen Trapez aus lauter Rissen direkt über ihrem Bett. Sie hatte dem Trapez den Namen von Max gegeben, der vor ein paar Jahren verschwunden war. Sein Gesicht hatte eine ähnliche Form gehabt, aber geliebt hatte sie ihn trotzdem.

Ein hässliches Gesicht war ihr lieber als ein hässlicher Körper, und Max war drahtig gewesen. Drahtig und amüsant. Wenn sie ihn an der Decke sah, amüsierte sie sich noch immer. Max war da oben nicht allein. Die Lampe leistete ihm Gesellschaft – der Kleine Raik, wie Simone sie nannte, weil aus dem mit Gips verkleisterten Loch in der Decke mehrere Kabelenden hervortraten und die Lampe unansehnlich herunterbaumelte, eigentlich bloß ein Kabel mit einer nackten Glühbirne, die ein grelles, dummes Licht verstrahlte. Seit Jahren wollte sie sie herunternehmen und etwas Hübscheres anbringen, aber sie war nie dazu gekommen.

Die Decke war sehr hoch, und um die Lampe zu erreichen, brauchte sie eine höhere Leiter. Ein halber Zentimeter in drei Tagen bedeutete, dass sich der Stuck pro Tag um fast zwei Millimeter verschob. Vielleicht war in der Wohnung darüber jemand herumgehopst und hatte den Vorgang beschleunigt. Vielleicht würde er sich jetzt wieder verlangsamen. Raik, ihr Mann, war groß genug. Er konnte die Lampe erreichen, der sie den Spitznamen Kleiner Raik gegeben hatte.

Aber er ließ sich nicht dazu bringen, etwas zu reparieren, das sie repariert haben wollte. Er bastelte gern an irgendwelchen Sachen herum, aber nicht wenn sie ihn darum bat, und sie hatte den Fehler gemacht, ihn zu bitten, und damit nur seinen Unwillen geweckt. Immer glaubte er, sie wolle ihn herumkommandieren. Doch diese Decke war ihre Decke, und dieses Zimmer war ihr Zimmer. In seinem Zimmer war alles in Ordnung. Wenn ihm dort eine Lampe nicht gefiel, wechselte er sie aus. Er wurde wütend, wenn Simone ihm einen Tipp gab, der sein Zimmer betraf. Einmal hatte sie ihm vorgeschlagen, den Schreibtisch nicht vor das Fenster zu stellen, weil sich die Vorhänge dann schlecht öffnen und schließen ließen.

Er hatte gesagt: „Mein Zimmer geht dich nichts an“, hatte den Schreibtisch vor das Fenster gestellt und die Vorhänge immer zugelassen. Das hier war also ihre Decke. Der Anblick weckte in ihr das gleiche angenehme Wiedersehensgefühl, das sie früher beim Anblick ihres Balkongartens gehabt hatte. In dem Jahr, als sie Max kennenlernte und mit ihm ein Leben in einem richtigen Haus mit einem richtig großen Garten plante, hatte sie auf ihrem Balkon nichts gepflanzt. Und im Jahr darauf, als es diesen Plan nicht mehr gab, hatte sie den Balkon gemieden. Blumen machten ihr keine Freude mehr. Jetzt machte ihr die Decke ein bisschen Freude. Drüben am Fenster hatte sie sieben feine Risse, die nach verschiedenen Richtungen auseinanderliefen.

Simone nannte die Risse Laura. Sie erinnerten sie an Lauras Haare, die sie an der Jacke und der Hose ihres Mannes gefunden hatte. Raik war stolz auf Laura gewesen, weil sie zweiunddreißig Jahre jünger war als er. Er hatte sich ihretwegen aber auch geschämt, weil sie nichts Besonderes war, eine Assistentin in seinem Büro, nicht sonderlich hübsch, mit einer piepsenden Stimme. Sogar die Sekretärinnen machten sich über sie lustig. Deshalb musste Raik die Affäre geheim halten. Aber er war verrückt nach ihr gewesen, und der Altersunterschied machte ihn fast hysterisch vor Glück, denn er bestätigte seine Vermutung, dass er selbst in Wirklichkeit noch gar keine dreiundsechzig, seine Frau aber schon eine alte Jacke war.

Einige Monate lang war es ihm gleichgültig gewesen, dass Simone abends oft allein wegging – nach dem Abendessen, denn ein häusliches Leben hatten sie noch geführt.

„Du Ärmste, deine Augenbrauen werden langsam grau“, sagte er über dem Nachtisch, bevor er ins Bad ging und sein Gebiss bürstete, was er nur tat, wenn er Laura besuchen wollte. Beim Weggehen rief er dann: „Ich gehe noch mal ins Büro.“ Simone konnte seine Heimlichtuerei kaum übersehen. Eines Tages nahm er einige Notenhefte seiner Mutter aus dem Bücherschrank und verließ mit ihnen das Haus. Zu diesem Zeitpunkt wusste Simone schon von Laura und stellte sich vor, Raik habe sie überredet, Gesangsunterricht zu nehmen, so wie er zwanzig Jahre früher auch sie überredet hatte.

Raiks Mutter war Gesangslehrerin gewesen, und er konnte so sachkundig über Lieder sprechen wie sonst kaum jemand. Wenn das Trapez namens Max weiter in diesem Tempo absackte, zwei Millimeter am Tag, würde es bald seinen Halt verlieren. Es würde abstürzen. Wie schwer mochte ein Brocken Stuck von dieser Größe sein? Laura hatte sich bald wieder von Raik zurückgezogen und einen Liebhaber in ihrem Alter genommen. Raik war deprimiert gewesen, war aber darüber hinweggekommen, indem er sein Zimmer renovierte und außerdem darauf bestand, dass seine Frau ihm nun treu war und jedes Mal, wenn sie aus dem Haus ging, genau erklärte, wohin sie wollte. Er fand es nicht fair, dass sie eine Affäre hatte, wenn er keine hatte. Er wolle wieder glücklich verheiratet sein, verkündete er.

Sie hatte sowieso gerade mit Alfonso Schluss gemacht. Alfonso war noch herrischer als Raik gewesen – aber drahtig. Raik nahm mit seinem Körper jetzt den ganzen Platz ein. Simone sah nach der Decke über der Tür. Dort war sie sauber, nicht verunstaltet. Keine Risse, nichts. Ein reiner Tisch. So wünschte sich Simone ihr Leben. Sie war fünfundvierzig und hatte sich schon mehrere Spritzen geben lassen, um die tiefe Falte zwischen ihren Augen zum Verschwinden zu bringen.

Die Falte war aber immer wiedergekommen – eine Hieroglyphe für Traurigkeit. Eines Tages werde ich vielleicht wieder richtig glücklich sein, dachte sie. Hoffentlich, bevor mir Max auf den Kopf fällt. Man konnte wirklich nicht vorhersagen, wie lange es noch dauern würde. Dazu hätte sie sein Gewicht herausfinden und sich verschiedene physikalische Gesetze klarmachen müssen. Natürlich konnte sie auch einen Maler kommen lassen, damit er die Decke in Ordnung brachte. Ihr fiel die Freude ein. Mit Max war sie überglücklich gewesen. Er hatte natürlich gewollt, dass sie Raik verließ und für immer mit ihm zusammenlebte.

Raik war in Tränen ausgebrochen, als sie es ihm sagte, und sie hatte den Plan sofort fallen gelassen. Sie hatte Max die Wahrheit gesagt: dass sie ihn liebte, wie sie noch nie einen Mann geliebt hatte. Dass sie es aber nicht übers Herz brachte, einen Menschen so unglücklich zu machen, nicht einmal ihren Ehemann. Max hatte ihr nicht geglaubt und die Höchststrafe verhängt – er hatte kein Wort mehr mit ihr gesprochen.

© dtv ©

Literaturangaben:
DISCHE, IRENE: Loves / Lieben. Erzählungen. Aus dem Englischen von Reinhard Kaiser. Deutscher Taschenbuchverlag, München 2008. 288 S., 8,90 €.

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